Manchmal braucht es jemanden, der einem keine Ausrede mehr lässt.

Bei mir war es meine neue Partnerin.

Nach 13 Jahren Pause vom aktiven, organisierten Laufsport schenkte sie mir die Teilnahme am Oberelbe-Marathon 2026. Nicht, weil sie glaubte, dass ich unbedingt noch einen Marathon laufen müsste. Sondern weil sie wusste, dass ich mir selbst wahrscheinlich wieder sagen würde: Keine Zeit. Zu viel zu tun. Die Familie geht vor. Die Kinder haben Sport.

Und damit hatte sie recht.

In den vergangenen Jahren hatte ich meine Zeit vor allem der Familie und dem Sport meiner Kinder gewidmet. Als Trainer im Nachwuchsfußball und im Radsport war ich dem Sport zwar immer eng verbunden. Ich war an Spielfeldrändern, bei Trainingseinheiten, Wettkämpfen und Veranstaltungen dabei – aber eben meistens für andere.

Mein eigener Sport war irgendwann immer weiter nach hinten gerutscht.

Dabei war der Laufsport nie wirklich verschwunden. Er hatte nur gewartet.

Ralf Start Training Ultralauf

Der erste Schritt zurück

Der Gedanke an den Marathon war zunächst vor allem eines: eine Herausforderung.

13 Jahre sind eine lange Zeit. Der Körper verändert sich, das Leben verändert sich und auch die eigenen Prioritäten sind andere. Trotzdem war da sofort wieder dieses Gefühl, das ich aus meiner aktiven Zeit kannte: ein Ziel vor Augen zu haben und Schritt für Schritt darauf hinzuarbeiten.

Dann kam eine dreiwöchige Zwangspause durch eine Erkrankung.

Ausgerechnet in der Phase, in der ich eigentlich Fahrt aufnehmen wollte, musste ich wieder herausnehmen. Kein Training. Kein Kilometer sammeln. Warten.

Heute weiß ich: Diese unfreiwillige Pause war vielleicht wichtiger für mein Comeback, als mir damals bewusst war.

Denn während der Körper zur Ruhe gezwungen wurde, musste der Kopf lernen, geduldig zu bleiben. Nicht jeden verlorenen Trainingstag aufzurechnen. Nicht ständig darüber nachzudenken, was jetzt vielleicht nicht mehr möglich sein würde.

Ich musste wieder lernen, meinem Körper zu vertrauen.

Und genau dabei entstand etwas, das für die folgenden Wochen entscheidend werden sollte: mentale Stärke.

Auch SdaR Sport war auf diesem Weg ein wichtiger Begleiter. Mit passender Laufbekleidung und organisatorischer Unterstützung stand SdaR Sport von Beginn an hinter meinem Projekt und half mir dabei, aus der Idee vom Comeback tatsächlich wieder ein sportliches Ziel zu machen.

Der Oberelbe-Marathon: Mehr als 42,195 Kilometer

Dann kam der Oberelbe-Marathon im April 2026.

Ich hatte dieses Rennen nicht einfach als irgendeinen Marathon im Kalender gesehen. Für mich war es der erste große Beweis, ob die Rückkehr nach 13 Jahren tatsächlich funktionieren konnte.

Die Strecke von Königstein durch das Elbtal bis nach Dresden ist dabei ohnehin etwas Besonderes. Die Landschaft des Elbsandsteingebirges, der Lauf entlang der Elbe sowie durch die Elbwiesen und schließlich der Zieleinlauf im Heinz-Steyer-Stadion machen diesen Marathon für mich immer wieder zu einem besonderen Erlebnis.

Aber für mich begann die eigentliche Bedeutung erst mit dem Startschuss.

Kilometer für Kilometer merkte ich: Da ist sie wieder – diese Leidenschaft für das Laufen.

Am Ende standen 42,195 Kilometer und eine Zielzeit von unter 3:30 Stunden auf der Uhr.

Für andere ist das vielleicht einfach eine Marathonzeit.

Für mich war es der Moment, in dem aus einem Geschenk meiner Partnerin ein echtes Comeback wurde.

13 Jahre Pause waren plötzlich nicht mehr das Wichtigste.

Wichtiger war die Erkenntnis:

Und vielleicht war sogar noch mehr möglich.

Vom Marathon zum Ultra

Nach dem Marathon war die Entscheidung eigentlich gefallen.

Wenn ich schon wieder zurück war, wollte ich wissen, wohin mich dieser Weg führen kann.

Der nächste Schritt sollte deshalb nicht einfach ein weiterer Marathon sein. Ich wollte zurück zu den langen Distanzen – dorthin, wo der Kopf mindestens genauso wichtig ist wie die Beine.

Das Ziel: ein 12-Stunden-Lauf im Raum Bremen.

Ein Rundkurs um den Hollener See. Runde für Runde. Kilometer für Kilometer.

Keine spektakuläre Berglandschaft, kein ständiger Wechsel der Umgebung. Dafür etwas, das bei einem Ultra mindestens genauso anspruchsvoll sein kann: Monotonie.

>Nach einigen Stunden wird die Strecke nicht schwieriger, weil sie sich verändert.

Sie wird schwieriger, weil sie sich nicht verändert.

Genau hier zeigte sich, wie wertvoll die vergangenen Monate gewesen waren. Die langen Trainingsblöcke, die einsamen Kilometer und vor allem die Erfahrung, auch dann weiterzumachen, wenn es gerade nicht leichtfällt.

Nach zwölf Stunden standen 105,6 Kilometer auf der Uhr.

Und ich konnte den Lauf für mich entscheiden.

Die Auszeichnungen waren passend zum familiären Charakter der Veranstaltung ungewöhnlich und gleichzeitig irgendwie besonders: Statt einer klassischen Medaille gab es ein kleines Fläschchen zum Umhängen mit Wasser aus dem Hollener See und ein Trinkglas mit eingravierter Siegerplatzierung.

Für mich war das aber ohnehin nur das äußere Zeichen.

Der eigentliche Gewinn lag woanders:

Ich war wieder dort angekommen, wo ich vor 13 Jahren aufgehört hatte – nur mit einer ganz anderen Geschichte im Gepäck.

Jetzt wartet Wartenberg

Nach dem Ultra folgte die Regeneration.Und danach begann der Blick nach vorne.Im Kalender stand der nächste große Höhepunkt: die Deutsche Meisterschaft im 100-km-Straßenlauf am 12. September 2026 in Berlin-Wartenberg.Und diesmal ist das Rennen etwas ganz Besonderes.

Es findet praktisch vor meiner Haustür statt.

Ich werde für den MTV 1860 Altlandsberg, Abteilung Leichtathletik, an den Start gehen – gemeinsam mit meinem Partner SdaR Sport.

100 Kilometer auf einem flachen, asphaltierten Rundkurs – 20 Runden á 5 km.

Auf dem Papier klingt das vielleicht einfacher als ein Landschaftslauf. In Wirklichkeit wartet eine ganz andere Herausforderung: immer wieder dieselbe Strecke, immer wieder dieselben Abschnitte, immer wieder der eigene Kopf.

Und genau darauf freue ich mich.

Denn ich weiß inzwischen wieder, dass ein 100km-Ultra-Lauf nicht erst bei Kilometer 80 beginnt.

Er beginnt viel früher – im Kopf.

DM 100km Wartenberg

Zwei Tage vor dem Start

Heute, am 10. September, sind es nur noch zwei Tage bis zum Start.

Die Zeit für einen komplett neuen Formaufbau ist längst vorbei. Nach dem 12-Stunden-Lauf ging es vor allem darum, den Körper zu regenerieren und die vorhandene Form zu bewahren und die Trainingskurve deutlich nach oben zu zeichnen.

Jetzt kann ich nicht mehr viel trainieren.

Jetzt geht es darum, das abzurufen, was da ist.

Wenn ich auf die vergangenen Monate zurückblicke, sehe ich deshalb nicht nur Trainingskilometer und Wettkampfzeiten.

Ich sehe meine Partnerin, die mir mit einem Marathon-Geschenk den entscheidenden Schubs gegeben hat.

Ich sehe meine Familie, die für mich in den vergangenen Jahren wichtiger war als mein eigener Sport.

Ich sehe die Kinder und all die Stunden, die ich als Trainer und stolzer Papa am Spielfeldrand, an Rennstrecken und in Sporthallen verbracht habe.

Ich sehe die drei Wochen Krankheit, in denen ich lernen musste, stillzuhalten.

Ich sehe den Oberelbe-Marathon.

105,6 Kilometer rund um den Hollener See.

Und jetzt sehe ich das Wartenberger Feld.

100 Kilometer.

Deutsche Meisterschaft.

Noch einmal an die Grenze gehen.

Ich weiß nicht, welche Zeit am Ende auf der Uhr stehen wird. Ich weiß nicht, wie sich Kilometer 70, 80 oder 90 dieses Mal anfühlen werden.

Aber ich weiß, warum ich dort stehe.

Weil der eigene Traum manchmal viele Jahre warten muss, bis wieder Platz für ihn ist.

Und manchmal braucht es einen Menschen, der einen daran erinnert, dass man ihn trotzdem nicht vergessen sollte.

Was daraus geworden ist, hätte damals wohl keiner von uns erwartet.

Jetzt geht es auf die 100 Kilometer.

Auf dem Wartenberger Feld.

Für mich. Für die Menschen, die mich auf diesem Weg begleiten. Und für die Erkenntnis, dass ein sportliches Comeback keine Frage des Alters ist.

Es ist eine Frage davon, ob man bereit ist, wieder loszulaufen.