10 Stunden, 51 Minuten. 100 Kilometer. Deutsche Meisterschaft.

Als ich am 12. September 2026 um 17:51 Uhr die Ziellinie im Wartenberger Stadion überquerte, war da vor allem eines: Freude.

Und Stolz.

Aber nicht nur auf die 100 Kilometer, die hinter mir lagen. Sondern auf all die Menschen, die mich auf diesen 100 Kilometern getragen hatten.

Denn irgendwann war es nicht mehr mein Körper, der mich ins Ziel brachte.

Es waren die Menschen, die an mich glaubten.

Der Start: Ambitionen statt vorsichtigem Herantasten

Ich war mit einer ambitionierten Zielzeit gestartet. Nach dem Marathon im Frühjahr, dem 12-Stunden-Lauf mit 105,6 Kilometern und den Trainingswochen danach hatte ich das Gefühl, dass eine schnelle Zeit möglich sein könnte.

Die Deutsche Meisterschaft über 100 Kilometer sollte deshalb nicht einfach nur ein Ankommen werden.

Ich wollte Leistung bringen.

Die Bedingungen waren klar: Ein exakt fünf Kilometer langer Rundkurs, immer wieder hinein ins Stadion, über die Start-Ziel-Linie und direkt danach durch den Verpflegungsbereich.

Runde für Runde.

20 Mal.

Am Anfang fühlte sich das richtig gut an.

Die ersten 40 Kilometer absolvierte ich in 3 Stunden und 22 Minuten, mit einer Pace von ungefähr fünf Minuten pro Kilometer.

Ich war im Rennen.

Und ich war schnell.

Auch die nächsten zehn Kilometer liefen noch erstaunlich gut. Ich konnte die Pace unter sechs Minuten halten.

Ich wechselte die Schuhe, in der Hoffnung, meinem Körper damit noch einmal etwas Gutes zu tun – und dann kam eine Nachricht, die mir noch einmal einen zusätzlichen Schub gab.

„Papa, wir haben 10:2 gewonnen!“

Mein ältester Sohn ist 13 Jahre alt und selbst Torwart.

Während ich Kilometer um Kilometer lief, stand er an diesem Tag auf dem Fußballplatz.

Als ich erfuhr, dass er sein Spiel 10:2 gewonnen hatte, war das für mich mehr als nur ein Ergebnis.

Es war Energie.

Vielleicht klingt es verrückt, aber in diesem Moment fühlte sich die nächste Runde wieder ein bisschen leichter an.

Sein Erfolg gab mir einen zusätzlichen Schub.

Denn genau deshalb mache ich diesen Sport auch: Weil ich meinen Kindern zeigen möchte, was möglich ist, wenn man an etwas glaubt und nicht sofort aufgibt.

Kilometer 55: Als der Körper nicht mehr wollte

Zwischen Kilometer 55 und 60 wurde es brutal. Ich wechselte die Schuhe, doch die Schmerzen wurden immer stärker. Das rechte Knie, die Halswirbelsäule und beide Füße machten mir zu schaffen. Von meinen Gedanken an mögliche Ermüdungsbrüche erzählte ich niemandem. Ich sagte nur:

„Alles tut weh.“

Bei Kilometer 60 war ich überzeugt: Ich höre auf.

Doch meine Partnerin glaubte weiter an mich. Sie erinnerte mich daran, dass nach jedem Tief wieder ein Hoch kommt – und dass ich eine Runde später immer noch aufhören konnte, wenn es wirklich nicht mehr ging.

Ich musste nicht 40 Kilometer schaffen. Nur die nächsten fünf.

Eine Runde noch

Meine Partnerin hatte für die Verpflegung alles vorbereitet: Milchreis, Salzkartoffeln, Wassermelone und Getränkemischungen mit Maltodextrin, Iso, Kamillentee und Gemüsebrühe. (hier zum Beitrag: was kommt mit auf die Strecke – unsere Verpflegung beim Ultralauf)

Running Verpflegung Deutsche Meisterschaft 100km Wartenberg

Doch in diesem Moment war ihre wichtigste Unterstützung nicht das Essen.

Es war ihr Glaube an mich.

Beim nächsten Stadiondurchlauf standen plötzlich auch meine beiden Bonustöchter dort. Die 14- und 17-Jährigen hatten ihre eigene Trainingseinheit so gelegt, dass sie mich anfeuern konnten.

Dann lief „Gute Laune“ – der Song, der uns als Familie schon auf so manchen Berg begleitet hatte.

Ich ging die nächste Runde an.

Fünf Kilometer. 40 Minuten.

Aber ich war noch im Rennen.

Und plötzlich war die Familie da

Beim nächsten Durchlauf warteten inzwischen auch meine Schwiegereltern und einer meiner besten Freunde auf mich. Er hatte meine drei Kinder mitgebracht: meine beiden Söhne und meine zehnjährige Tochter.

Damit waren alle fünf Kinder da.

Eigentlich wären sie an diesem Wochenende bei ihren jeweils anderen Elternteilen gewesen. Trotzdem waren sie gekommen, um mich zu unterstützen.

Und plötzlich lief es wieder.

Aus den 40 Minuten wurden 33 Minuten pro Runde.

Nicht, weil die Schmerzen verschwunden waren. Sondern weil ich nicht mehr alleine gegen sie kämpfen musste.

Ich lief – und meine Familie lief irgendwie mit.

Deutsche Meisterschaft 100km Verpflegung

17:51 Uhr: 100 Kilometer geschafft

Runde für Runde kam das Ziel näher.

Bis irgendwann die letzte Runde begann.

Die letzten Meter gehörten meiner Tochter. Meine Partnerin hatte organisiert, dass sie mich über das Stadionmikrofon anfeuern durfte. Dazu lief laut „Gute Laune“.

Und dann war es geschafft:

100 Kilometer in 10 Stunden und 51 Minuten. Deutsche Meisterschaft.

Was bleibt, ist nicht nur die Zeit.

Es bleibt der Moment bei Kilometer 60, als ich aufgeben wollte.

Und die Menschen, die mich davon abgehalten haben.

Meine Partnerin, meine Familie, meine Freunde und meine fünf Kinder haben mir an diesem Tag gezeigt, was es bedeutet, an jemanden zu glauben.

Ich bin die 100 Kilometer gelaufen.
Aber wir haben sie gemeinsam geschafft.

100km Ultralauf mit Familienunterstützung
Deutsche Meisterschaft Ralf SdaR Sport
Ralf und Kevin - ein starkes Team